Freitag, 18. November 2011

Neues aus Hamburg: Elbphilharmonie Schrott

Gerade gelesen: Der Architekt der Elbphilharmonie wurde zur Umsetzung seines Entwurfs befragt. Jeder Hamburger wird ihm wahrscheinlich recht geben.

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Donnerstag, 10. November 2011

Empty Dom, Hamburg

Es ist November, das Wetter ist grau und es ist Winterdom.

Hamburgs Perma-Rummel zieht am Wochenende zahlreiche Menschen an. Man sieht Teenager, denen der Frust über Pickel und die Wirkungslosigkeit von Clearasil ins Gesicht geschrieben steht. Man sieht Kinder, deren Gesichter von sozialen Konflikten und wirtschaftlicher Härte so gezeichnet sind, wie die ihrer Eltern. Man sieht aufgedonnerte Mädchen in Zweiergrüppchen, die mit jedem Lidstrich versuchen, ausgerechnet hier ihren Traumprinzen zu finden, dann aber doch nur mal kurz ein paar Typen aus der eigenen Klasse zu begegnen. Man sieht St. Pauli-Fans zahlreich nach Spielende auf den Dom strömen, sich am Schießstand in Geschicklichkeit und in den haarsträubendsten Karussells in Courage messen. Man sieht Schausteller, die Tickets einsammeln, an Zigaretten ziehen, sich in den Eingängen aufbauen, auf Drehplattformen gegen die Fliehkraft gelehnt mitschweben; man sieht andere in ihren Kassenhäuschen ausgestellt, verborgen hinter großen Sonnenbrillen als Meister der Lage...

Hamburger Dom
(Bild: Desert Hamburg)
Der Dom hat wie jeder Rummel etwas zutiefst Dramatisches: Der Wunsch, einmal, in allem Elend und bei allen Härten des Lebens, die man ständig mithilfe der eigenen Unzulänglichkeiten zu bewältigen hat, dabei zu sein, wenn es heißt, Spaß zu haben. Und die Überreizungen auf dem Dom versprechen ständig schnellen Spaß und heiße Erlebnisse. Hier wummert die Musik, dort drehen sich die Lichter, es schallen wohlklingende Stimmen aus den Mikrophonen, aminierend, ermutigend. "Dabei sein" lautet die Zauberformel. Dabei sind die meisten doch nur unter sich.

Bei all dem geht es ums Vergessen. Man entflieht der eigenen Lebenslangeweile, der eigenen Unzulänglichkeit, dem frustrierenden Alltag, sogar den eigenen Ansprüchen und Idealen in eine exzentrische Glitzerwelt der Buden und Karussells.

Ein kleiner Junge steht neben mir. "Ist das abgefahren", ruft er lauthals voller Begeisterung und hüpft auf den Autoscooter zu.



Samstag, 5. November 2011

Blumenberg, der Heilige

Sibylle Lewitscharoff hat mit "Blumenberg" ihren neuesten Roman vorlegt. Hauptfigur ist der deutsch-jüdische Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996), einige seiner Studenten sowie ein Löwe, der ihm plötzlich erscheint und fortan begleitet, auch wenn ihn keiner, außer Blumenberg selbst, sehen kann.

Lewitscharoff nannte ihr eigenes Buch den Versuch einer "modernen Heiligenlegende". In der Hagiographie begleitet der Löwe den heiligen Hieronymus, die heilige Maria Ägyptica, ist das Tier des Apostels Markus, ein Symbol für Jesus (aber auch für Judas) und Wappentier von drei Stämmen Isreals.

Wieso nun eignet sich Hans Blumenberg zum Heiligen?

Hans Blumenberg gehört zu den skeptischen Philosophen des Nachkriegsdeutschland, der seine Philosophie auf der Anthropologie aufbaute. Der Mensch, losgelassen von den großen Sinnsystemen des Mittelalters, ist ab der Neuzeit auf sich selbst gestellt und muss in seinem Kampf um Selbstbehauptung mit dem ihm gegenüber gleichgültig gewordenen Weltall klar kommen. Dies gelingt ihm mittels Kunst und Technik, Wissenschaft und Mythen und zuletzt mit Hilfe der Sprache.
Schon in den Mythen hält sich der Mensch die aleatorische und lebensbedrohliche Macht der Natur vom Leib, indem er sie in Geschichten bändigt. In der Wissenschaft wird diese Bändigung methodisch und allzeit verfügbar vervollkommnet.
Doch der Mensch bleibt auf seine eigene Relativität beschränkt, die es ihm allein ermöglicht, ausschnittsweise von allem Erfahrbaren zu wissen und zu erfahren. Er bildet sich Metaphern, absolute Metaphern, die seine eigene Beschränkheit  und wissenschaftliche Begrifflichkeit überschreiten, und globale Sinnhorizonte eröffnen, obwohl sie niemals in ihrer Totalität empirisch prüfbar sein werden. Absolute Metaphern sind nicht rational, aber auch nicht irrational, sondern Horizonte des Verstehens.
Doch die Lücken, die mit dem Verlust der metaphysischen Sinnsysteme entstehen, sind dadurch nicht einholbar. Zurück bleibt für den Menschen ohne diese Systeme ein Weltschmerz.

Der Philosoph Hans Blumenberg
Den realen Blumenberg gegen den fiktiven Blumenberg von Lewitscharoff auszuspielen, ist müßig und auch - zugegebenermaßen - billig. Literatur darf Menschen fiktionalisieren. Kunst darf das. Der Roman Lewitscharoffs ist nun mal keine Biographie. Jeder, der nur etwas von Blumenberg gelesen hat, merkt schnell, dass letzterer mit ersterem nur biographische Parallelen hat. Dies kann ein Blumenberg-Verehrer durchaus noch hinnehmen. Was für einen solchen jedoch schwer hinnehmbar ist, ist die Religiosität des Romans und die Implikate massiver Missverständnisse mit der Philosophie Blumenbergs, die damit einhergehen.

Natürlich darf die Zunft der Philosophen an dieser Stelle aufschreien. Gäbe es Lewitscharoffs Löwen, würden Philosophen nur noch ausschließlich Taxi fahren statt Bücher schreiben und den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa einstreichen. Denn der Löwe ist keineswegs eine Phantasmagorie oder halluziniert - der Blumenberg des Romans ist durchaus vernünftig - ; der Löwe ist auch keine von E.T.A. Hoffmanns skurrilen Zwergen, Trollen und Feen, die einem Aufklärer eine lange Nase drehen. Er ist auch - leider, Frau Lewitscharoff! - keine absolute Metapher, was doch bei dem Sujet so wunderbar nahe gelegen und einen tollen Philosophieroman ergeben hätte. Nein, er ist ein religiöses Wunder, und das kann man dem Agnostiker Blumenberg, der nun zeitlebens Aufklärung und Neuzeit und auch die eigene Philosophie von jeglicher katholischer Reconquista elegant zu verteidigen wußte, wirklich nicht - auch gerade nicht posthum - zumuten. Der Roman sagt "Und der er Glaube hat doch recht! Sogar Blumenberg wird von ihm eingeholt!" - und das ist eine sehr banale Botschaft, sowohl philosophisch, und erst recht literarisch. Und gerade letzteres begründet diesen Verriss, denn der religiös-banale Plot klafft weit auseinander mit der sonst wunderbaren Sprache des Romans, die durch dieses Auseinanderklaffen jedoch zum leeren Spiel wird.

Kurz zur Handlung: Die Geschichte spielt im Münster des Jahres 1982. Der Philosphie-Professor Blumenberg des Romans lebt und arbeitet genauso wie der reale Blumenberg sehr zurückgezogen. Eines Nachts taucht in seinem Arbeitszimmer ein Löwe auf. Zunächst aufgeregt, versucht Blumenberg sämtliche Löwen aus Kunstgeschichte, Mythologie, Hagiographie etc. durchzukämmen, doch läuft er damit ins Leere. Der Löwe scheint nicht begrifflich einordnungsfähig zu sein. Auch semantisch gibt er nicht viel her.
Hier bestünde nun die Möglichkeit, den Löwen zur absoluten Metapher zu machen, doch der Roman nimmt - zu meinem Bedauern - eine andere Wendung. Der Löwe bleibt als unerklärlich stehen, doch wird er nach und nach religiös aufgeladen. Er spendet Blumenberg Trost, gibt ihm Gelassenheit angesichts von Druckfehlern in den eigenen Büchern oder den besseren Verkaufszahlen der Bücher von Konkurrenzphilosoph Habermas. Blumenberg fühlt sich durch ihn in den Zustand glücklichen Einsseins mit der Welt versetzt. Auch die beklemmenden Gedanken, die Blumenberg überkommen, wenn er sich an seine Zeit im NS-Zwangsarbeitslager Zerbst zurückerinnert, löst der Löwe. Er gibt alles, was der Religion nachgesagt wird: Leichtigkeit, Trost, Zuversicht, Gelassenheit, Aufgehobenheit. Der Löwe liegt da als Einbruch des Absoluten in Blumenbergs Begriffswelt. Ja, die Philosophie ist so furchtbar überflüssig. Sie kann doch locker durch den wahren Glauben ersetzt werden.

Geradezu heilig ist der Löwe, wenn man sieht, dass die Beziehung zu Blumenberg darin besteht, den Löwen gerne anzufassen, sich dies aber über die ganze Jahre hinweg nicht traut. Das Heilige hat seinen eigenen Raum. Es ist tabu - unberührbar.

Auch ein Löwe des Romans: Einer der Lübecker Löwen
Dass der Löwe nicht imaginiert, sondern durchaus da ist, auch wenn er nur von Blumenberg gesehen werden kann, zeigt sich auch darin, dass seine Anwesenheit Einfluss auf das Leben einiger Studenten nimmt.
Elisabeth, eine poetische, sich zwanghaft immer weiter verkopfende Blumenberg-Verehrerin aus der ersten Reihe, löst ihre ganze Person geradezu gewaltsam in Literatur und Philosophie auf. Als Blumenberg höchstselbst sie in einer verregneten Nacht durchnässt auf der Straße aufnimmt und nach Hause fährt, ist ihr die Ausweglosigkeit ihrer platonischen Liebe zu dem alten, halbglatzköpfigen Mann klar. Sie begeht Selbstmord, indem sie von einem Hochhaus springt.
Richard, ein weiterer Student, der ungeschickt aber eigentlich um die Anerkennung Blumenbergs buhlt, ist eine Dagegenrepublik in einer Person. Nach einer Erbschaft sucht er das wahre Leben außerhalb Deutschlands, durchwandert Südamerika, erfährt dort das wahre Elend der Menschen sowie die echte Diktatur Pinochets, revidiert seine Haltung zu Deutschland und den eigenen Eltern, erkennt sich selbst als einziger ewiger Versager und wird schließlich in Brasilien von ein paar Zuhältern ermordet.
Hansi hingegen ist ein wunderschöner Mann mit einer lyrischen Störung, der nicht nur Gedichte und Dichter sammelt, sondern sie ungefragt in Restaurants an den Nachbartischen vorträgt. Nach dem Studium gründet er eine philosophische Beratung, die jedoch kläglich scheitert. Nach der Wiedervereinigung der beiden Deutschland ist er durch Elend und Armut bereits heruntergekommen, hält aber immer noch an seinem Vortragsdrang fest. Auf einem Bahnhof in Berlin wird er zum Propheten und kürt sich selbst zum Lamm Gottes. Als ihn zwei Sicherheitsbeamten abführen, stirbt er.

Doch auch die Nonne Käthe Meliss stirbt, die einzige Person im Roman außer Blumenberg, die den Löwen sehen kann. Darüber hinaus hat sie die Schlüsselgewalt über die Erklärung des unerklärlichen Löwens: Er ist eine Auszeichnung, die Blumenberg von ganz oben erfährt. Der nachmetaphysische Blumenberg metaphysisch geadelt, mit einem Bein vor dem Thron Gottes dank seines ureigenen "Begleitlöwen". Doch hat die tatkräftige und energische Schwester hier sicherlich noch den besten Tod, stirbt sie doch mit den zuversichtlichen Satz "Gleich geht's wieder los, ihr werdet sehen!"auf den Lippen.

Und zuletzt stirbt Blumenberg, mit ein paar gelben Haaren an der Hand. Er hatte das getan, was ihm zuvor nicht möglich war: Er hatte den Löwen, das Heilige selbst, berührt, was er die ganze Zeit schon tun wollte, aber in seiner Todesstunde tat. Damit ist der Höhepunkt der Heiligengeschichte erreicht.

Der Roman "Blumenberg" ist ein sprachliches Meisterwerk. Souverän, mit Frechheit und Geschick dichtet Lewitscharoff den philosophischen Duktus der Blumenbergianer nach, ohne dabei inhaltlich die Philosophie, der sie "feine(n) theologische(n) Obertöne" (200) bescheinigt, zu übernehmen. Zugleich ist dieser Stil mit einer Ironie durchtränkt, die immer wieder die Realität ganz konkret und präzise durch seine gebildete Getragenheit scheinen läßt.
Die wunderbaren Schilderungen des studentischen Milieus der 80er Jahre sind hervorragend, witzig, realistisch und meisterhaft geschildert; die Typen haarscharf getroffen. Ihr Schicksal kann den Leser nur anrühren. Auch die Person Blumenbergs ist fast greifbar geschildert, was sehr für die gründlichen Recherchen der Autorin spricht.

Die Einholung Blumenbergs durch den Glauben, die jedoch die Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff dem Philosophen Blumenberg unterstellt, beruhen auf burschikosen begrifflichen Überrumplungen, die keineswegs so hingenommen werden können. Der Verlust der metaphysischen Sinnsysteme ist nach Blumenberg unwiederbringlich. Ein illusorischer Sieg der Religion, wie ihn der Roman fingiert, setzt dessen eigene Sprache ins Aus. Das Werk ist somit leider auch literarisch misslungen. Das ist schade, umso mehr, da es wirklich eine gute Anlage hat.

Antonello de Messina: Hl. Hieronymus im Gehäus


Samstag, 29. Oktober 2011

Herbsttöne im Gewächshaus

Zugegeben: Wettertechnisch war der Oktober in Hamburg sehr schön. Oft sonnige, nicht zu kalte Tage und eine bunte Blätterpracht.

Den etwas bewölkten Samstag heute habe ich zum Fotografieren genutzt. Die Gewächshäuser von Planten un Blomen sind im Moment sehr zu empfehlen, weil vieles gerade blüht (auch vieles, was entweder undefinierbar ist oder ganz entsetzlich stinkt, z.B. Kakteen.)

Distelblüte in Hamburgs Gewächshäusern. Foto: Desert Hamburg
Der Eintritt in die Gewächshäuser ist, wie der Eintritt in den gesamten Garten, kostenlos, was ich toll finde, denn immerhin wird fast schon aus jedem noch so harmlosen Vergnügen heutzutage Geld gemacht.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Auf der Rennbahn

Jede Großstadt zieht Idioten an, so auch Hamburg. Radfahrer jedoch sind die schlimmsten unter den Idioten.

Ich bin bekennende Radfahrerhasserin. Hier in Hamburg geworden. Kein Führerschein, kein Verstand, aber viel Bewegungsdrang führt Radfahrer auf die Radwege (wo sie hingehören) und auf die Bürgersteige (wo sie nicht hingehören).

Rücksicht ist bei Radfahrern in der Regel ein Fremdwort. Von Verkehrsregeln haben sie noch nie etwas gehört. Die Räder selbst - verkehrsuntüchtig. Woher ich das weiß? Radfahrer bremsen grundsätzlich nie. Hätten sie eine Bremse und ein Gehirn, würden sie erstere einfach mal betätigen. Doch sie pöbeln, wenn man ihnen auf dem Bürgersteig (!) im Weg steht oder den Bürgersteig auch nur nutzt, während sie selbst ihn nutzen wollen.

Ich ging neulich in einer radwegbefreiten und verkehrsberuhigten Nobelvillaseitenstraße spazieren. Radwegbefreit heißt für den gesunden Menschenverstand: Ich habe als Radfahrer auf der verkehrsberuhigten Nobelvillaseitenstraße, auf der ohnehin kaum ein Auto ist, auf der Straße selbst, nicht jedoch auf dem Bürgersteig zu fahren. In Deutschland dürfen nur Kleinkinder mit begleitenden Erziehungsberechtigtem selbigem benutzen. Dies gilt jedoch nicht in Hamburg. Ein wildes Geklingel und Gepöbel von hinten schreckt mich aus meinen idyllischen Betrachtungen der hübschen Vorgärten. "Mach gefälligst die Augen auf!" brüllt eine Stimme von hinten.

Yepp!
Als ich mich umsehe, sitzt eine fette, ca. mittefünfzigjährige Frau schnell anrasend auf einem Mountain Bike. Die Bremse zu nutzen, sieht sie natürlich nicht ein. Wieso auch, wenn man brüllen kann? Ihre wild krakelnden Bewegungen lassen das Rad breiträumig schlingern. Sie trägt Radlerhosen um cellulitöse, bleiche Beine, ein Schlapper-T-Shirt mit Hamburg-Wappen, Asics, einen alienförmigen Sturzhelm (natürlich! könnte ja verunfallen, das arme Radfahrerchen!) und einen Pulsmesser. Drei Möpse wackeln stramm o-beinig vor ihr her. 

Klarer Fall: Ich stehe auf Ihrer täglichen Rennstrecke. Die hat mit Straßenverkehr und Verkehrsregeln nichts zu tun, sondern ist eine Ausnahmezone innerhalb deutschen Rechts. Bremsen wird sie in keinem Fall, denn sie verfehlte sonst ihr halbstündliches Verbrennungssoll um ca. 2 Kilokalorien, wenn die RPM auf 0,5 Umdrehungen für zwei Sekunden sinken sollte. Kurz gefaßt: Eine Irre! Eine Vollidiotin ersten Ranges!

Die Sprachlosigkeit übermannt mich nicht lange. "Viel Glück bei der Diät!" rufe ich ihr verärgert hinterher. Bei der Figur wünsche ich lieber mal Glück statt Erfolg. Hahaha!

Entgeistert starrt sie mich über die Schulter an.

"Was gibt's da noch zu glotzen?!" setze ich nach. Der Vorteil einer hessischen Sozialisation: Wenig Zurückhaltung, dafür direkte Herzhaftigkeit, zügiger Ausdruck von Ärger, gelebte Emotionalität. Dem Hamburger völlig fremd...

Ich gehe übrigens trotz starker Bemopsung nicht davon aus, dass die Dicke auf dem Bike eine Hamburgerin war. Hamburg gilt als liberale Stadt und zieht so viel schlechtes Benehmen an. Und da Hamburger sehr zurückhaltend sind, sich über nichts aufregen und oft nicht den Mund aufkriegen, entsteht dann ein Erziehungsdefizit im öffentlichen Raum. Dann muss man sich halt auch nicht wundern, wenn immer alles schlechter wird... Man ist ja selbst passiv und feige genug, und die falsche Toleranz ist bis hin zum eigenen Magengeschwür dehnbar...

Man muss sich nicht alles gefallen lassen.

Freitag, 21. Oktober 2011

Zur Verteidigung Inge Lohmarks


Ein lesenswertes und schön gestaltetes Buch:
Der Hals der Giraffe von J. Schalansky

Judith Schalansky hat mit "Der Hals der Giraffe" einen "Bildungsroman" vorgelegt, der ein außerordentliches Lesevergnügen beschert und auch zu denken gibt.

In Rezensionen und Blogs sind schon zahlreiche  Besprechungen dieses Romans erschienen, die seinen Plot wiedergeben und  seine Hauptfigur, die strenge ostdeutsche Biologielehrerin Inge Lohmark als unsympathische Biologistin und Sozialdarwinistin auslegen, die zuletzt an ihrem Weltbild scheitert, weil sie die Realität übersieht und sich dieser nicht anpassen kann.

Biologismus bedeutet, alle Phänomene auf die Gesetze der Genetik und Biologie zurückzuführen und diese gewissermaßen zum Monopol der Welterklärung zu erheben. Sozialdarwinismus bedeutet, aus biologischen Gesetzen ein Leitbild für Politik, Moral und Gesellschaft zu machen.

Der Text des Romans rechtfertigt diese schon zur Gängigkeit geronnene Lesart, trotz der Makel in Lohmarks Vergangenheit und der Kaltschnäuzigkeit ihres Denkens, keineswegs. Wäre das Buch nur das Psychogramm einer durchgeknallten Sozialdarwinistin, die im Leben scheitert, wäre es überflüssig. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voller im Leben gescheiterter, in ihrem einseitigen Weltbild befangenen Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler.

Meine Besprechung des Romans beruht auf drei Thesen:
  1. Lohmark ist Biologin, jedoch keine Biologistin.
  2. Lohmark scheitert nicht, weil sie sich nicht anpassen kann, sondern weil sie sich zuletzt anpasst.
  3. Nicht Schülerin Ellen wird mißbraucht, sondern Inge Lohmark, die Opfer einer Intrige ihres Schulleiters Kattner wird.

Und nun zur Begründung:

Inge Lohmark ist ostdeutsche Biologie- und Sportlehrerin am Gymnasium einer fast menschenleeren pommerschen Kreisstadt. Der Roman handelt von drei Tagen im Leben der Mitfünfzigerin dergestalt, daß er den Leser am inneren Monolog der Hauptfigur und den äußeren Ereignissen in ihrem Leben teilhaben läßt.

"Brackiges Gewässer, verwesende Süße und Modergeruch": Monets Seerosen
Lohmark sieht die Welt aus biologischer Sicht. Für sie gibt es Evolution, Selektion, Rinder- und Menschenrassen, Aussterben der Arten zugunsten der Entwicklung neuer Arten, die auf geänderte Umweltbedingungen besser angepaßt sind und einzig die heterosexuellen Fortpflanzung, die als Kampfhandlung und Automatismus allerdings gänzlich unromantisch ist. Kultur, Geschichte, Politik und Kunst haben in dieser Sicht lediglich einen Platz als Epiphänomene, Begleiterscheinungen der Evolution, die nicht aus genetischer Notwendigkeit entstehen, sondern vielmehr von dieser ablenken und in der Naturgeschichte so überflüssig wie ein Weisheitszahn sind. Dies heißt allerdings auch, dass diese Epiphänomene aus den Gesetzen der Biologie nicht herleitbar sind und nicht genetischen Gesetzen unterliegen. 

Das erste von drei Kapiteln mit dem Titel "Naturhaushalte" stellt sowohl die Hauptperson, Schule und Schüler, Kollegium und Stadt der Inge Lohmark vor.  Inge Lohmark beschreibt ihre Schüler und Kollegen nicht etwa aus sozialpädagogischer Sicht, sondern aus verhaltensbiologischer. An Tiervergleichen ist dabei selbstredend kein Mangel. 
Lohmark ist Klassenlehrerin der letzten Klasse des Gymnasiums, die nur noch aus zwölf Schülern besteht. Die pommersche Kreisstadt ist fast schon so menschenleer wie ihre Schule. Das Kollegium genauso zusammengeschrumpft wie die Schülerzahl. Die Klasse Neun ist die letzte Klasse, die noch ihr Abitur machen wird.

Inge Lohmark denkt in den 3,7 Milliarden Jahren der Naturgeschichte, in denen menschliche Kultur und Politik schon rein zeitlich überschätzt sind. Dies zeigt sich bei einem kurzen Rundgang durch den fast menschenverlassenen Ort im Osten, der schon wieder von der Flora zurückerobert wird. Nachdem Lohmark scharfen Blicks die Artenvielfalt der Pflanzen bewundert hat, die sich durch den Rückzug der Menschen wieder entwickeln konnte, entwirft sie ihre eigene Utopie der Botanik:

"Angelegte Grünflächen? Mühsames Aufforsten? Hier war eine größere Macht am Werk! Niemand konnte sie aufhalten. Irgendwann schon in ein paar Jahrhunderten, würde hier ein stattlicher Mischwald stehen. Und von allen Gebäuden würde höchstens die Kirche übrig sein, ausgehöhlt, ein Gerippe aus Backstein, eine Ruine im Wald, wie auf einem Gemälde. Herrlich. [...] Sie waren vor uns da, und sie würden uns überleben. Noch war dieser Ort nur eine schrumpfende Stadt, die Produktion längst eingestellt, aber die wahren Produzenten waren schon am Werk. Nicht der Verfall würde diesen Ort heimsuchen, sondern die totale Verwilderung. Eine wuchernde Eingemeindung, eine friedliche Revolution. Blühende Landschaften." (70/71)

Mischwald

Vor dem Hintergrund der Naturgeschichte und der Epiphänomenalität der Kultur sind auch die (politischen) Ideologien beliebig und austauschbar, wie die Anspielungen auf Joseph Goebbels und Helmut Kohl im obigen Zitat zeigen. Für Inge Lohmark sind die Naturgesetze der Biologie zeitlose Wahrheit, und diese Wahrheit verteidigt sie gegen jedes politische System und dessen Worthülsen. Lohmark ist loyal, nicht gegenüber der DDR, nicht gegenüber dem wiedervereinigten Deutschland, sondern gegenüber der Wahrheit der Naturgesetze. Ihr politisches Credo:

"Gar keine Staatsform wäre das Allerbeste. Es würde sich alles schon von alleine organisieren." (157)

Im zweiten Kapitel "Vererbungsvorgänge" erfahren wir mehr über Lohmarks Vergangenheit. Lohmark, in der DDR geboren und aufgewachsen, besuchte ein  Polytechnikum und wurde Lehrerin am Gymnasium. Schon mit ihrem Schulleiter Hagedorn gab es zu DDR-Zeiten Ärger, weil Lohmark die rezessive Vererbung anhand der Ahnentafel von Königin Victoria erklärte. Adelige Stammbäume zu besprechen galt dem Schulleiter als westliche Agitation. 

Westliche Agitation: Der Stammbaum von Queen Victoria
und die Bluterkankheit

Auch als Stasi-Spitzel war die Lohmark tätig, was sie für nicht weiter schlimm hält, denn ihre paar Berichte hätten den Opfern nicht geschadet. Eine schnippische Verdrängung, die man ihr so sicher nicht durchgehen lassen kann, aber mit Biologismus hat dies nichts zu tun. Inge Lohmark war zunächst Geliebte von Wolfgang, einen Veterinärtechniker, der sich für sie von seiner Frau und seinen beiden Kindern trennte. Nach der Wende machte er eine Straußenzucht auf, während sie eine Affäre mit einem anderen Mann hatte, von dem sie schwanger wurde. Sie trieb ab. Mit Wolfgang hat sie eine gemeinsame Tochter, die in den Vereinigten Staaten lebt.

Lohmarks neuer Schulleiter Kattner stammt aus dem Westen und hat die Absicht, das Charles-Darwin-Gymnasium zukunftsfähig zu machen. Schon im ersten Kapitel sind die Konflikte mit der ideologieresistenten Lohmark vorprogrammiert:

"'Wir brauchen mehr Engagement. Auch außerhalb des Unterrichts. Deshalb habe ich beschlossen, daß ich wöchentlich eine Ansprache halte. Motivationstraining. Um den Zusammenhalt zu stärken. Eine Zukunftsrede. Wie findet ihr das? So eine Art Appell. Das kennt ihr doch.'
Der drehte ja völlig durch. War wohl nicht ausgelastet. Jetzt auch noch Losungen und Klassenziele. Erbauung und Ertüchtigung der Schülerseelen. Der Aufbauhelfer wollte predigen. Die Totenmesse lesen. Das ganze Programm."(51)

Im Kapitel "Vererbungsgänge" geht es jedoch nicht nur um die Vererbung der Gene, sondern auch um die Vererbung von Wesensgleichheiten in den politischen Systemen. Früher verhörte die Stasi die Menschen, heute bestellt Schulleiter Kattner die Kollegen zum Mitarbeitergespräch unter vier Augen und erteilt Redeverbot über das, was gesprochen wurde.

Noch mehr zeigt sich die Wesensähnlichkeit bei dem Appell, der dann tatsächlich auf dem Schulhof stattfindet. Die Kommentare zu Kattners Rede im inneren Monolog der Inge Lohmark zeigen ihren politischen Ekel vor dem einen, wie dem anderen System.

"'... Analyse. Interpretation. Selbständiges Handeln. Urteilsfähigkeit. Kritisches Denken...'
            Das kannte sie. Kritisches Denken war immer erlaubt. Nur linientreu mußte es sein. Gerade in einem kranken System mußte man auf seine Gesundheit achten. Und der Kern aller Gesundheit war Anpassung." (151)

Was Lohmark hier höhnisch denkt, ist gerade der Kern ihrer Persönlichkeit, den ihr viele Rezensenten und die Autorin selbst als Grund ihres Scheiterns vorhalten. Doch sie paßt sich gerade den Systemen nicht an, denn sie sind nicht die natürliche Umwelt, der sich Arten automatisch anpassen. Eine Übertragung jedoch des biologischen Anpassungsbegriffs auf die Politik und die Systeme wäre Biologismus, eine Biologie als Leitbild für das Leben der Menschen wäre Sozialdarwinismus. Diesem verweigert sie sich jedoch konsequent und verteidigt dabei die Wahrheit der Biologie, die ihr die Immunität gegen die Ideologien ermöglicht. 

Beide politischen Systeme verlangen Anpassung, beide beruhen auf der alten Hackordnung, welche sie nicht mal matt kaschieren. Keines der Systeme ist in der Lage, echte Freiheit herzustellen, welche biologisch sowieso nicht vorgesehen ist. 

"Niemand war frei. Und sollte es auch gar nicht sein. Allein die Schulpflicht. Das war ein staatlich organisierter Freiheitsentzug. Ausgeheckt von der Konferenz der Kultusminister. Es ging gar nicht um Wissensvermittlung. Sondern darum, die Kinder an einen geregelten Tagesablauf und die jeweils vorherrschende Ideologie zu gewöhnen. Das war Herrschaftssicherung. Ein paar Jahre Aufsicht, um das Schlimmste zu verhindern. Das Gymnasium als Stillbeschäftigung bis zur Volljährigkeit. Gute Staatsbürger. Gehorsame Untertanen. Nachschub fürs Rentensystem." (150/151)

Elender Nacktsamer Gingko-Baum
In Kongruenz dieser Logik des Romans beginnt während des Appells der Gingko-Baum auf dem Schulhof, hier Symbol des wiedervereinigten Deutschlands, zu stinken. Inge Lohmark kommentiert: "Elender Nacktsamer." (155) 

Inge Lohmark wird häufig auch deshalb als Biologistin und Sozialdarwinistin bezeichnet, weil sie meint, ihre Vergangenheit als DDR-Biologie-Lehrerin nicht aufarbeiten zu müssen, weil die Biologie unparteiisch sei. Dabei wird jedoch übersehen, wie kritisch sie mit der ganzen Ostwissenschaft umgeht. Inge Lohmark war an keiner Stelle von der Sowjetwissenschaft überzeugt. Nicht nur das Unterrichten mit dem Stammbaum der Königin Victoria zeigt, daß sie eine Vertreterin der einen Genetik als Wissenschaft war. Auch der wunderbare Dialog zwischen ihr und ihrem Lehrerkollegen und Alt-Sozialisten Thiele im Lehrerzimmer zeigt das.

Thiele erklärt darin die Wissenschaft der Sowjetunion für die fortschrittlichere und als der westlichen überlegen. Lohmark hält nüchtern dagegen:
"Man hat damals geglaubt, daß man Pflanzen verändern kann, wenn man ihre Lebensbedingungen genauestens kennt. Also studierte man die Bedürfnisse von Kohl, Kartoffeln und Weizen. Alles nur, um sie dazu zu bringen, ganz neue Ansprüche zu stellen. Selbstverständlich nur die gewünschten." (139) Nämlich solche, die auch im Frostboden Sibiriens prachtvoll gedeihen. Diese Experimente mußten jedoch scheitern, was dann dem Klassenfeind oder den Sperlingen in die Schuhe geschoben wurde. "Naturgesetze galten nichts. Die Praxis wurde geschönt und grundlegende theoretische Erkenntnisse missachtet." (140) So Lohmarks Resümee.

Ignorant der Naturgesetze im Stalinismus:
Sowjetbiologe und Agronom Trofim D.
Lyssenko
Woran scheitert nun Inge Lohmark, und wie sieht dieses Scheitern aus?
Inge Lohmark scheitert daran, daß sie versucht, Schulleiter Kattners Wahnsinn zu mildern, der die Kollegen in Mitarbeitergesprächen verhört und den Appell wieder einführt, und sich bei ihm, wie auch früher, durchtrickst.

"Eigentlich wollte er, daß jedes Mal eine kleine Blaskapelle einen Tusch spielte, aber das hatten sie ihm dann doch noch ausreden können. Das fehlte noch. Mit Pauken und Trompeten. Am Ende war er doch ganz begeistert von ihrer Idee, seine Mittwochpredigt mit einem Schuss aus der Pistole beginnen zu lassen, die sie erst wieder beim Sportfest im Sommer brauchte." (148)

Indem sie Kattner die Startpistole unterjubelt, macht sie die Absurdität der Veranstaltung mehr als sichtbar. Doch alle stehen brav Spalier, keinen begehrt auf gegen den neuen Appell in der schönen freien Welt des wiedervereinigten Deutschland.

Das zweite Kapitel endet mit dem Mitarbeitergespräch zwischen Kattner und Lohmark. Obwohl Kattner keine Personalbefugnis hat, kündigt er Lohmark an, daß sie auf eine Grundschule versetzt werden könne, daß dies aber besser sei als Arbeitslosigkeit. Als er ihr versucht, obendrein eine Weiterbildung in Schmuckgestaltung anzudrehen und sie herausfordernd ansieht, verläßt Lohmark grußlos den Raum. Ihr innerer Monolog dreht sich darum, daß Tiere einfach instinktgeleitet handeln können, während der Mensch jeden Schritt planen und durchdenken müssen. Lohmark weiß, daß Kattner sie bedroht und sie loswerden will und sie eine Intrige zu erwarten hat. Sie ist keineswegs blind für ihre Umgebung, wie viele Rezensenten behaupten. Sie befürchtet in der Folge, dass ihr eventuell sogar ein sexueller Missbrauch an ihrer Schülerin Erika von Kunstlehrerin Schwanneke unterstellt werden könnte, oder vielleicht sogar von Erika selbst. Lohmark ist bis dahin schon deutlich auf der Hut.

Im dritten Kapitel des Romans wird Lohmark dann von Kattner aus dem Unterricht geholt. In seinem Büro sitzt Ellen, eine weitere Schülerin. Ellen war bisher die Außenseiterin der Klasse, die Opfer von Streichen ihrer Mitschüler wurde.  Kattner behauptet, daß Ellen über Monate von ihren Mitschülern misshandelt worden sei. Lohmark habe ihre Aufsichtspflicht verletzt und werde die Konsequenzen zu spüren bekommen.

Lohmark hatte in der Vergangenheit tatsächlich bemerkt, daß Ellen Opfer von Sticheleien wurde und nicht eingegriffen. Ellen wurde geschubst, ihr Haarreif landete im Dreck. Lohmark hatte schon früher nicht eingegriffen, als ihre eigene Tochter, die bei ihr in der Klasse war, in einer ähnlichen Außenseitersituation war. Doch was mit Ellen aktuell geschehen war, bleibt im Dunklen bis auf Kattner, der behauptet, er habe sie verstört in der Jungentoilette gefunden. Doch die Behauptung eines monatelangen Mißbrauchs von Ellen ist damit keineswegs bestätigt. Die Gemeinheiten gegenüber Ellen waren mehr jugendlicher Spieltrieb als Gewalt.

Lohmark weiß, daß dies ihr Aus ist. Sie geht zurück in ihre Klasse und und verrät erstmals ihre Wissenschaft, indem sie ihren eigenen Appell an die Jugend hält. Sie erklärt den Hals der Giraffe lamarckistisch als Produkt der Anstrengung und des Trainings dieser Tiere, welches sich auf die nächste Generation übertrage. Nach dem Klingelzeichen leitet sie zudem erstmals aus der Biologie einen moralischen Imperativ ab, sie, die der Meinung war, Moral habe in der Biologie nichts zu suchen: "Jeder Einzelne von uns muß sich strecken. Alles ist möglich, wenn wir uns nur wirklich anstrengen." (211)

Damit ist Lohmark zur Biologistin und Sozialdarwinistin geworden. Sie hat sich angepasst, indem sie die wissenschaftlichen Grenzen der Biologie überschritt. Und darin besteht ihr Scheitern. 

Alle Zitate stammen aus: Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Berlin Suhrkamp 2011
Präzision als Modell für eine Ästhetik der Natur: Haeckels Quallen

Dienstag, 18. Oktober 2011

Urlaub in Hamburg - ein Tag im Spa

Der beste Lesesaal in Hamburg ist zweifellos die Wellness-Oase Meridian Spa. Erst etwas Sport, dann schön Sauna und schon wird das Gehirn von Alphawellen geflutet. Wenn man sich dann noch ein Buch und eine Decke schnappt und an die frische Luft legt, erlebt das schummrige Denkorgan einen Kick der Extraklasse. Man kann sich hier gut von Hamburg erholen, den rücksichtslosen Radfahrern, dem HVV respektive der U-Bahn Hamburg und den giftigen Möpsen.

Mitten in Hamburg: der Urlaub
Mir tut jeder Student leid, der sich in diese miefigen Lesesäle der Hamburger Uni-Bibliothek einsperren muss. Da kann ja nichts hängen bleiben... Das Meridian Spa Eppendorf taugt als Lesesaal weit mehr.

Ich gehe fast nur zum Lesen dorthin. Es gibt aber auch Leute, die nur zum Sonnen dorthin gehen. Gerade vormittags erlebt man schon öfter mal die ein oder andere Dame, die Dauerliegegast am Koi-Teich des Meridian Spa Eppendorf ist, und die man mit der Bemerkung, man sei vorher oben im Fitness-Bereich gewesen förmlich aus den Socken hauen kann. "Ach, haben die hier auch ein Fitness-Studio?!?"

Schnell merkt man den Nachteil von solchen Spas. Sie bieten zwar alle Fitness an, doch mit der Zeit nutzt man immer mehr und immer ausschließlicher den Wellness-Bereich.

Eine besonders braungebrannte Dame gab mir so erst neulich den Kurzrapport ihres jüngsten Gesundheitschecks: "Blutdruck im Keller, aber mehr Vitamin D als sein muss." Das wundert jetzt nicht....

Ich packe dort also genüsslich mein Buch aus. Das fällt übel auf, denn die Hauptlektüre in Hamburgs Nobel-Spa ist die Gala, die auch überall ausliegt und den Hauptgesprächsstoff um den Koi-Teich herum liefert. Ich dachte ja immer, hier ginge die Bildungselite hin, aber weit gefehlt...

Das Meridian Spa verspricht Entspannung im Alltag. Und es hält dabei sogar Wort. Man kommt nach einem Stresstag zwei Stunden später so heraus, wie etwa nach einer Woche Urlaub.

Doch die meisten Leute sind mit der Zeit schon überentspannt. Der permanente Dauerausgleich zwischen Wurzel- und Scheitel- durch das Solarplexus-Chakra scheint zu Langeweile und Lebensüberdruss zu führen, besondere wenn der Scheitel von der Gala beherrscht wird.

Doch zum Glück gibt es die Bademeister, die bei Hochbetrieb schon mal die ein oder andere reservierte Liege abräumen. Das stört den Wellness-Tran aufs empfindlichste. Wie von der Tarantel gestochen springen die ihres Territoriums beraubten Spa-Besucher auf und speien lauthals Gift und Galle, bis sogar die Möpse aus der Nachbarschaft kläffen. Gleichgültig wenden sich die übrigen Besucher ab und verigeln sich krampfhaft trotz der erquicklichen Streitereien unter ihrer Feng-Shui-Käseglocke, während eine Buddha-Statue von den Whirlpools her alles gelassen belächelt.

Natürlich sorgt eine solche Auseinandersetzung immer für eifriges Getuschel rund um den Koi-Teich. Man hat dann doch so mal etwas Abwechslung gehabt zwischen Crash-Entspannungszwang und Nirvana.